Frankfurt ungeschminkt

Lesung mit Autor Lars Denis Unger im Transnormal

Eine beeindruckende Lesung im Transnormal: Unter dem Titel „Frankfurt – ungeschminkt“ präsentierte Lars Denis Unger Auszüge aus seinem gleichnamigen Buch und eröffnete einen vielschichtigen Blick auf jene Seiten der Stadt, die im öffentlichen Bild oft unsichtbar bleiben.

Der Abend war ausgebucht und darüber hinaus sehr gut besucht. Statt der geplanten 30 Plätze fanden rund 40 Gäste Raum. Es entstand ein dichtes, zugleich konzentriertes Setting, das eine besondere Nähe zwischen Vortrag und Publikum ermöglichte. Die Zusammensetzung der Besucher spiegelte dabei in besonderer Weise den Ort selbst wider. Eine große Vielfalt in Bezug auf Herkunft, Alter und geschlechtliche Identität prägte den Abend und sorgte für eine offene und zugewandte Atmosphäre.

In den Rückmeldungen wurde die Lesung vielfach als authentisch, bewegend und berührend beschrieben. Besonders die persönlichen Geschichten und Beobachtungen aus dem Buch fanden Resonanz. Einzelne Gäste berichteten, sich durch die Texte und Bilder in ihre eigene Kindheit und Jugend zurückversetzt gefühlt zu haben, insbesondere wenn sie selbst aus vergleichbaren Stadtteilen stammen. Die geschilderten Erfahrungen wurden nicht nur nachvollzogen, sondern als unmittelbar anschlussfähig erlebt.

Neben dieser emotionalen Ebene entwickelte sich eine Reihe inhaltlicher Diskussionen, die den Abend deutlich über eine klassische Lesung hinausgehen ließen.

Ein zentrales Thema war Ungers Darstellung des Rotlichtmilieus, insbesondere seine Aussage, dass in klassischen Laufhäusern Zwangsprostitution kaum bis nicht vorkomme. Diese Einschätzung wurde aus dem Publikum heraus hinterfragt, auch mit Verweis auf aktuelle Berichterstattung. Im weiteren Verlauf differenzierte sich die Diskussion. Anwesende mit direktem Bezug zum Milieu, darunter ein im Buch porträtierter Mitarbeiter eines Frankfurter Laufhauses, verwiesen auf die dort geltenden Regularien wie gesundheitliche Kontrollen und formale Voraussetzungen. Zwangsprostitution werde demnach eher in nicht regulierten Bereichen verortet, etwa im privaten Umfeld oder in Hotels, wo entsprechende Schutzmechanismen fehlen. Die Diskussion machte deutlich, wie komplex und vielschichtig das Thema wahrgenommen wird.

Auch die Drogenpolitik wurde intensiv besprochen. Ausgehend von Ungers Bezug zum sogenannten Frankfurter Weg entstand ein Austausch über alternative Modelle, insbesondere das Schweizer Vier-Säulen-Modell. Dieses verbindet Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression und wurde im Publikum als möglicher Orientierungsrahmen diskutiert.

Dabei wurde auch ein Aspekt hervorgehoben, der in der öffentlichen Wahrnehmung häufig missverstanden wird. Obwohl Drogenhandel auch in der Schweiz illegal ist, wird im Umfeld von Konsumräumen in der praktischen Umsetzung teilweise bewusst darauf verzichtet, Kleinsthandel konsequent zu unterbinden. Ziel dieses Ansatzes ist es, die Szene nicht in unkontrollierte und deutlich riskantere Bereiche wie den öffentlichen Raum oder private Rückzugsorte zu verdrängen, sondern sie in einem betreuten Umfeld zu halten.

Aus dem Publikum wurde mehrfach der Wunsch formuliert, bestehende politische Positionen zu überwinden und stärker pragmatische, evidenzbasierte Ansätze in den Fokus zu rücken. Die Zustimmung zu einer solchen Perspektive war im Raum deutlich spürbar.

Ein weiterer Diskussionspunkt war Ungers bewusster Umgang mit fotografischer Sichtbarkeit. Eine kritische Nachfrage aus dem Publikum bildete den Ausgangspunkt für eine weiterführende Auseinandersetzung mit Fragen der Verantwortung in der dokumentarischen Fotografie.

Dabei wurde Ungers Entscheidung, abgebildete Personen unkenntlich zu machen, von der großen Mehrheit der Gesprächspartner ausdrücklich unterstützt. Insbesondere der Gedanke, über rechtliche Rahmenbedingungen hinaus auch die persönliche und moralische Verantwortung mitzudenken, fand breite Zustimmung. Mehrere Gäste berichteten, dass sie selbst auch im privaten Kontext zunehmend sensibler mit fotografischen Situationen umgehen und sich einen bewussteren Umgang mit Bildveröffentlichungen wünschen.

In diesem Zusammenhang verwies Unger auf seine fotografische Praxis in Workshops im Bahnhofsviertel. Dort wird gezielt vermittelt, dass nicht jede Situation fotografiert werden muss, insbesondere dann nicht, wenn sie die Würde oder Intimsphäre von Menschen berührt. Stattdessen steht die Wahrnehmung im Vordergrund sowie die Frage, ob man selbst in einer vergleichbaren Situation fotografiert werden möchte. Dieser Ansatz wurde von den Anwesenden als respektvoll und zeitgemäß eingeordnet.

Vor diesem Hintergrund wird auch die Entscheidung zur Unkenntlichmachung nachvollziehbar. Sie versteht sich als bewusster Versuch, dokumentarische Arbeit mit einem sensiblen und verantwortungsvollen Blick auf die abgebildeten Menschen zu verbinden.

Die Lesung im Transnormal zeigte damit nicht nur die inhaltliche Kraft des Buches, sondern auch dessen Fähigkeit, Diskussionen anzustoßen über Erinnerung, gesellschaftliche Realitäten und den verantwortungsvollen Umgang mit Bildern.

Ein besonderer Dank gilt Manuela Mock und dem gesamten Team vor Ort für die Organisation dieses Abends.

Ausblick

Weitere Lesungen sind bereits angekündigt:

    1. April – Buchhandlung LeseZeit, Bad Vilbel
    2. April – Friedenskirche, Friedrichsdorf, gemeinsam mit Nulf Schade-James

Text: Niklas Beringer